Nachhaltigkeit ganz Neu?

Um sich nicht zu überschätzen, selbst bescheiden zu bleiben und nicht über das Ziel hinaus zu schiessen, lohnt es sich ein bisschen mehr über Carl von Carlowitz und „seine Nachhaltigkeit“ zu wissen. Unsere Altvordern waren nicht dumm !

Herkunft des Begriffs und Bedeutung

Der Begriff Nachhaltigkeit - englisch Sustainablity - wird heute inflationär gebraucht. Meist wird damit ein Wunsch nach Dauerhaftigkeit ausgedrückt. Nachhaltiges Wirtschaften bedeutet aber seit 1713 wesentlich mehr. Der Wunsch nach Nachhaltigkeit ist seit jeher ein Kind von Angst, Krisen und Notzeiten. So auch im frühen 18. Jahrhundert als damals eminent wichtigen Holz, welches 1713 dem Erdöl/Strom (Energie, Heizen, Kochen), dem Beton (Haus-, Berg-, Tiefbau)  und Metallen (Wagenbau etc.)  vergleichbare Funktionen erfüllte, wegen Übernutzung drohte auszugehen und immer teurer wurde.

Die Definition des Begriffs und die Vorgehensweise für nachhaltiges Wirtschaften stammen den auch aus dieser Anfangszeit der Industrialisierung. 1713 hat Hans Carl von Carlowitz - zu einer Zeit, als die Probleme mit der Übernutzung der Ressourcen „Holz“ auftraten - die drei grundlegenden Säulen der Nachhaltigkeit in seiner Eigenschaft als Oberberghauptmann im Silberbergau zu Freiburg (Sachsen) definiert hat:

  1. Ökologisches Gleichgewicht
  2. Wirtschaftliche Sicherheit
  3. Soziale Verantwortung

In seinem Werk „Sylvicultura oeconomica“ legt er dar, dass und wie die Bewirtschaftung der Wälder nachhaltig angelegt sein soll:

  • dass nicht mehr Holz geschlagen wird, als nachwächst. Kluger Mann, der er war, hat er aber auch gleich noch die Ratschläge erarbeitet, wie Nachhaltigkeit erreicht werden kann. Es fordert weiter:
  • keine kurzfristigen Gewinne anzustreben
  • dass die Industrie mit der Natur und nicht gegen sie wirtschaften soll und dass die Industrie der Gemeinschaft dienen soll
  • dass arme Menschen ein Recht auf Nahrung und Unterstützung hätten
  • dass technischer Fortschritt die Ressource Holz dank bessere Isolation der Häuser und effizienteren Verhüttungsöfen schonen soll
  • dass Holz durch andere Energiequellen ersetzt werden soll.

Forderungen, wie sie heute moderner nicht sein können. Kein Wunder, denn Hans Carl von Carlowitz war kein ökologischer Träumer. Er sah aufgrund der Erfahrungen in Sachsen, dass eine prosperierende Wirtschaft langfristig nur gedeihen kann, wenn sich Ökonomie, Ökologie und soziale Verantwortung ergänzen. Daran hat sich im Wesentlichen bis heute nichts geändert. Nachhaltigkeit ist also keine neue sondern eine uralte - eigentlich selbsterklärende und logische - Lebensphilosophie für Unternehmen respektive den Menschen, die sie leiten.

Nachhaltigkeit heute: die Wertegesellschaft

Grundsätzlich hat die Definition der Nachhaltigkeit von Carlowitz heute noch Bestand. Was sich geändert hat ist, dass mit der Globalisierung, dem besseren Informationsaustausch und den um Grössenordnungen gestiegenen Verbrauch von Rohstoffen und Energie, dem möglichen Klimawandel bei einem grossen Teil westlichen Bevölkerung der Wunsch entstanden ist, mit ihrem Verhalten die Umwelt zu schützen. Produkte werden vermehrt gekauft wenn sie „fair“ - d.h. unter menschenwürdigen Bedingungen produziert wurden. Von Unternehmen zwird erwartet, dass sie über den kurzfristigen Gewinn hinaus, ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft wahrnehmen. Es ist eine Wertegesellschaft entstanden, welche zwar immer noch preisbewusst ist, aber zusehends auch verlangt, dass die Firma ihrer Wahl den Konsumentenwünschen nach „Nachhaltigen Produkten“ auch noch erfüllt. Das Verlangen nach „Nachhaltigkeit“ durchdringt alle Akteure: Politiker fordern sie ebenso wie Unternehmer sie von Ihren Lieferanten einfordern, Finanzanalysten bewerten Firmen mehr und mehr auch nach ihrer „Nachhaltigkeit“, Konsumenten kaufen „nachhaltig“ ein.

Systematische Umsetzung von Nachhaltigkeit dank Werkzeugen und Fakten

Was nun aber Nachhaltig genau ist, wie man Nachhaltigkeit erreichen kann, ist nicht eindeutig definieren. Was es aber heute gibt, sind relativ einfache systematische Werkzeuge, mit denen Teilaspekt der Nachhaltigkeit mehr oder weniger wissenschaftlich erarbeitet werden können. Im Ökologischen Bereich sind das zum Beispiel die Ökobilanzen, mit welchen sich Produkte oder Unternehmen deren Umweltwirkungen abschätzen lassen. Im Bereich „Soziale“ Nachhaltigkeit gibt es verschieden Labels welche Aspekt der Produktion (Fairer Handel, Kinderarbeit) abdecken. In unseren Breiten sind z.B. Arbeitssicherheit, Gleichstellung und soziale Verantwortung von Unternehmen wichtig. Die Ökonomische Nachhaltigkeit kann z.B. durch eine langfristige Auslegung von bekannten Betriebswirtschaftlichen Kenndaten und durch Risikoanalysen betrieben werden. Es gibt mehrere Instrumente, wie zum Beispiel die Global Reporting Initiative, welche als „Nachhaltigkeitschecklisten“ gute Dienste tun. Es ist also heute - dank verschiedenen, systematischen Werkzeugen - möglich, Firmen in der Optimierung ihrer Nachhaltigkeitsleistungen zu unterstützen. Meistens gehen mit einer verbesserten Nachhaltigkeit Kostensenkungen und Effizienzsteigerungen einher. Wichtig ist: Das Vorgehen ist systematisch und orientier sich an Fakten, nicht an Werbebotscheften, welche bald als „Greenwashing“ entlarvt würden.